Ist die Gesamtheit mehr als die Summe ihrer Teile?

Fotos: Beatrice Volkmer

In unserer neuen Rubrik „Quartiere und Orte“ stellen wir die einzelnen Wohnquartiere und besondere Orte unseres Stadtteils vor. Wir starten mit den unterschiedlichen Bezeichnungen und einer bestimmten Stadtteilmentalität …

So manches ist recht kurzfristigen Umständen geschuldet, anderes ist Ergebnis eines gegebenenfalls genialen Plans. Jeder Mensch kann von beidem erzählen und berichten. Auch bei der Bauentwicklung unseres Stadtteils zeigt sich das. Wobei wir rein statistisch sogar von zwei Stadtteilen sprechen müss(t)en – von der Brandenburger Vorstadt und von Potsdam-West.

Alle Vorstädte, so auch die Brandenburger, grenzen unmittelbar an das Stadtzentrum, Potsdam-West erstreckt sich weiter in Richtung westlicher Stadtgrenze. In der Realität scheint beides kunterbunt durcheinanderzugehen – den einen ist Brandenburger Vorstadt zu altbacken, manch anderer findet sich gar an vordemokratische Verhältnisse erinnert, anderen ist das wiederum schlicht zu lang und wiederum anderen – wozu ich mich auch zähle – ist die Benennung bloßer Himmelsrichtungen schlicht zu phantasielos. Selber fallen mir dabei die Benennungen von Retortenstädten wie Hamburg-Rahlstedt-Ost, München-Perlach-Süd oder Berlin-Rudow-Buckow II ein, wie das zu Errichtungszeiten bezeichnet wurde. Die beiden hiesigen Stadtteile, die im Übrigen spezifisch auf den Wahlbenachrichtigungskarten vermerkt sind, bilden nun wiederum Ortsteile und eigene Wohnviertel. Derartige Bezeichnungen sind im Volksmund entweder stabil geblieben oder einfach der Vergessenheit anheimgefallen.

(An der) Stadtheide ganz weit draußen bot von Anfang an neben dem reinen Wohnen auch ein gehöriges Maß an Selbstversorgung. Das war angesichts des schmalen Geldbeutels der Wohnbevölkerung dringend nötig. Inzwischen haben sich die Gesichter der Bewohnenden und der Gebäude zum Jüngeren hin gewandelt, die Bezeichnung aber ist gängig und fest verankert.

Nebenan findet sich die etwas jüngere Bebauung entlang der Straße Im Bogen, ohne aufgetragenen „krönenden“ Schmuck, aber mit horizontalen, diagonalen und vertikalen Linien, die die Bauten gliedern. Sie ist in dem östlichen Abschnitt zu kurz und in ihrer gesamten Länge zu unterschiedlich, als dass sich eine etwas radebrechende Selbstbezeichnung „Wir Im-Bogener“ hätte herausbilden können.

Die Gontardstraße als fast schon dörfliche Siedlung und die städtischer daherkommende Siedlung am Schillerplatz sind da schon eher Eigennamen. Sie bildeten von ihrer Gestalt her eine Rückwendung hinter die ausgerufene Moderne, auch wenn sie im Innersten das Neueste boten.

Das ausgerufene Neue, dass alles Alte hinter sich lassen sollte, findet sich vom Bogen stadteinwärts in Richtung Knobelsdorffstraße und mit etwas zeitlichem Abstand dann entlang der Zeppelinstraße ab dem Kiewitt. Wo auf dem Kiewitt noch Einzelbauwerke sind, sind es entlang der Neustädter Havelbucht Wohnscheiben und Einzel-Hochhäuser, die unseren Stadtteil an dieser Stelle zur Innenstadt hin begrenzen. Die Bebauung entlang der Neustädter Havelbucht hatte das Ziel, den Wohnraumbedarf zu decken. Sie war das Alternativprogramm dazu, die Wohnungen entlang der seinerzeitigen Magistrale Wilhelm-Külz-Straße unterzubringen – bei eigentlich vorgesehenem Abriss der Hiller-Brandtschen Häuser. Zum Glück war da, wie schon im Fall der fast heimgesuchten Alexandrowka-Siedlung, bereits zu DDR-Zeiten der Denkmalschutz davor.

Neben dem Bahnhof Charlottenhof, der in den 1950er Jahren in Potsdam-West umbenannt wurde, war es die Benennung der Wohngenossenschaft Potsdam-West, was wohl schließlich den Ausschlag gab, dass im Volksmund dieser Begriff auch auf die andere Seite der heutigen Zeppelinstraße sprang.

Dort befindet sich die so von Denkmalschützern bezeichnete Innere Brandenburger Vorstadt, was so viel heißt, als dass zu ihrer Entstehungszeit genau hier die Keimzelle des Stadtteils gleichen Namens war. Genau wie das seinerzeitige Berliner Tor und die Berliner Vorstadt die (Haupt-)Straße nach Berlin markierten, genauso wie das Nauener Tor und die Nauener Vorstadt die Straße über Fahrland und Kartzow nach Nauen markierten, so markier(t)en das Brandenburger Tor und die Brandenburger Vorstadt die Straße nach Brandenburg an der Havel.

Alles in allem befinden sich in den beiden genannten Stadtteilen – aus Richtung Innenstadt gesehen die Brandenburger Vorstadt und dann Potsdam-West – alle Bauformen im Kleinen, die auch in Potsdam im Großen zu sehen sind. Und das, um zum Anfang zu kommen, in den wenigsten Fällen beliebig. | Helmut Krüger

Veranstaltungstipp
8. Oktober, 19-21 Uhr Die Stadtheide, Vortrag von Thomas Sander
Gemeindesaal der Erlöserkirche, Nansenstr. 5
Eintritt: frei, um Spenden wird gebeten

Written by BV